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Immer wieder sonntags

Für den Nichtstuer Jochen Picht hat die Woche sieben Sonntage

 

 

Unauffällig – denkt man wenn man ihn sieht. Vorausgesetzt man nimmt ihn überhaupt wahr. Groß und schlaksig kommt er daher. Sein aschbraunes Haar ist ungekämmt und auf dem besten Weg sich in ein trauriges Grau zu verfärben. Weise wirkt er damit nicht. Und sein Gesicht? Das macht schon jetzt einen tristen Eindruck, so blass ist es. Eigentlich also klar: Dieser Mann versinkt im Sumpf der Unauffälligkeit. 

Eigentlich. Denn äußerlich betrachtet mag das stimmen, blickt man aber unter die Hülle der Oberflächlichkeiten hat er sich schon lange aus eben diesem Sumpf befreit. Jochen Picht ist sehr wohl etwas Besonderes- er ist ein Nichtstuer.

Es ist montagmorgens und die arbeitende Bevölkerung quält sich gerade nach einem erholsamen Wochenende zur Arbeit. Nicht so Jochen Picht. Er bleibt lieber noch ein bisschen in seinem Bett liegen. Kann er auch, schließlich hat er seinen Job bei der Post schon vor langem aufgegeben. Arbeiten ist nichts für ihn, allenfalls Schichtarbeit würde im Gefallen, sagt er. Denn die Vorstellung eine Zeit des Tages blockiert zu haben widerstrebt Picht. „Man will doch jede Lichtstimmung des Tages wenigstens einmal gesehen haben.“  Das Zimmer in dem er liegt ist nur spärlich eingerichtet. Das Bett, ein winziger Schrank und ausgeblichene gelbe Gardinen, die mehr Licht durchlassen, als dass sie welches zurückhalten. Picht besitzt nicht viel. Aber alles was er besitzt hat er sich entweder früher selber angeschafft - als er noch arbeitete - oder hat er geschenkt bekommen. Auf Luxus muss er dabei nicht unbedingt verzichten. Laptop, iPod: Vieles über das sich manch Arbeitender freuen würde, hat Picht von Verwandten und Freunden geschenkt bekommen. „Auch der Staat beschenkt mich.“ Bei diesem Satz ist ein leichtes Schmunzeln ist auf seinen Lippen zu erkennen. Das Geschenk was er vom Staat bekommt ist das Arbeitslosengeld II. Ein schlechtes Gewissen gegenüber denjenigen, die ihm dieses Geschenk machen hat er nicht. Schließlich könne ja jeder nichts tun und so leben wie er. „Aber es ist schon schöner, wenn die anderen arbeiten.“, fügt er hinzu. Das Schmunzeln hat sich jetzt in ein breites Lachen gewandelt.

Lachen tut Picht oft. Teils kommt er einem dabei arrogant und selbstgefällig vor. Doch das stört ihn nicht: „ Ich lache gerne über meine eigenen Witze und schäme mich dessen nicht… ich bin wie ich bin, ich verstell mich nicht.“

Aber dann wieder scheint das Lachen nicht echt – nur aufgesetzt. Als wolle er damit sich und den Leuten um ihn herum krampfhaft beweisen: Ja ich bin glücklich mit meinem Leben, so wie es ist. Für einen Moment muss dann jedoch das breite Grinsen oder herzhafte Lachen weichen -  es muss weichen für einen nachdenklichen Blick in die Ferne. Und dieser Blick verrät etwas: Picht ist nicht wunschlos zufrieden mit seinem Leben. Besonders deutlich wird ihm das, wenn er seinen Sohn wieder verlassen und heimfahren muss. Sein Sohn? Richtig der Nichtstuer Jochen Picht hat einen Sohn: Joshua, neun Jahre alt, lebt in Niedersachsen, hervorgegangen aus einer „kleinen Liebe“, wie Picht die Liebe zu Joshuas Mutter beschreibt. Seinen Sohn liebt er. Das merkt man ihm an, wenn er von ihm spricht. Seine Augen strahlen dann fast wie Edelsteine. „ Mein Sohn kennt mich, er weiß wie ich bin.“ Vielleicht hat Picht bei seinem Sohn als einzigem das Gefühl, dass er ihn und seinen Lebensstil wirklich akzeptiert. „Es ist wichtig, dass es Joshua gut geht, unser Verhältnis ist sehr gut.“ Das war nicht immer so. Picht zog vors Amtsgericht, um Umgangsrecht zu erhalten und er machte eine Familientherapie. Für das gute Verhältnis hat er gekämpft wie ein Löwe. Aber auch heute ist nicht alles Gold was glänzt. Picht muss lange sparen, um sich eine kurze Reise zu seinem Sohn leisten zu können. Und genau dieser Umstand verbietet ihm die letzte Freiheit, die ihm noch fehlt, auszuleben. Die Freiheit für seinen Sohn da sein zu können. Die Rückfahrt nach Hause ist jedes Mal wie ein kleiner Stich ins Herz: „ Wenn ich zu Joshua fahre, freu ich mich. Wenn ich zurück fahre….wo fahre ich hin? Beim Joshua merke ich den Unterschied zwischen leben und rum sitzen.“

Im Umgang mit seinem Sohn fällt noch etwas anderes auf: Manchmal verhält Picht sich wie ein kleines Kind. Er tobt mit Joshua im Sand und im Meer und kauert sich beim Regen in einen Strandkorb zusammen. Beim Spiel mit Joshua streckt er die Arme weit aus, dreht sich und schaut in den Wolken verhangenen, grauen Himmel, als fühle er sich erst jetzt richtig frei. Er gluckst dann herum und scheint eher wie ein Freund seines Sohnes und nicht wie ein Vater. Wie ein Kinderspiel empfindet er es auch, dass die Menschen bei ihm zu Hause alle unter einer Brücke erstarren, wenn es beginnt zu regnen. Als er das erzählt strahlen seine Augen abermals -  das Leben leicht wie ein Kinderspiel! Genau davon scheint Picht zu träumen.

Neben der „kleinen Liebe“, die er mit der Mutter seines Sohnes hatte, hatte er auch eine „große“. Aber die habe er zerstört, weil er zu jung war. „Sie war schon etwas Besonderes.“ Heute lebt Picht alleine. Das macht ihm nichts aus. Natürlich sei es schön eine Frau zu haben, aber notwendig nicht – und ein Abschlepper sei er schon gar nicht.

Nichtstuer ist eigentlich die falsche Bezeichnung für Jochen Picht. Er tut etwas -  nur eben nicht arbeiten. Tagtäglich spaziert er in einem seiner alten braunen, dunkelblauen oder grauen Anzüge – ganz egal ist ihm sein Äußeres nicht – durch sein Viertel. Ein tristes Viertel. In gewisser Weise spiegelt es Pichts Lebensgeschichte wieder. Früher eine arbeitsreiche Gegend, heute gibt es hier viele marode Häuser, die teilweise einer Baustelle gleichen. Auch viele Arbeitslose leben heute hier. Die besucht Picht dann oft oder er lernt Geige spielen, besser gesagt er versucht es sich selber beizubringen. Gut anhören tue es sich nur manchmal – und er hat Recht: Richtig kann er es noch nicht. Aber es macht ihm Spaß und hilft ihm den Tag nicht ganz tatenlos zu verbringen.

Warum Picht so geworden ist? Das weiß er selber nicht. Eins steht aber fest: Dumm ist er nicht. Er studierte Philosophie und Soziologie in Köln. Auch an der Erziehung kann es nicht gelegen haben. Gut bürgerlich wuchs er auf, mit drei Geschwistern – alle drei sind heute Lehrer. „Vielleicht liegt es an dem Philosophie-Studium, dass ich so geworden bin. Aber ich hab schon als Kind immer gerne aus dem Fenster geschaut.“

Auch wenn Picht seine Lebensweise in bestimmter Weise auch als Kunst ansieht – „Man muss sich auch freuen können los zu lassen, jeden Tag Sonntag zu haben“ – möchte er irgendwann wieder arbeiten. Einen Schritt in Richtung strukturiertes und „normales“  Leben hat er schon gemacht: Regelmäßige Fahrstunden für seinen Mofaführerschein. Weil ihm seine Fahrerlaubnis abgenommen worden war, durfte er sein geliebtes Mofa nicht mehr benutzen. Traurig habe ihn das gemacht, erzählt er mit einem wehmütigen Blick zu dem Mofa. Denn das Mofa-Fahren sei auch Ausdruck seiner Lebensphilosophie gewesen- besonders im Standgas. Und da ist er wieder, dieser nachdenkliche Blick. Der Blick, der eines Tages vielleicht dafür sorgen wird, dass Jochen Picht sein Leben ändert und vom Nichtstuer zum Arbeiter wird.

9.7.08 20:53
 


bisher 2 Kommentar(e)     TrackBack-URL


Annika / Website (27.7.08 20:00)
Hi Vanessa!
Das war wirklich ein schönes Portrait! Hast den Nichtstuer gut beschrieben. Finde ich gut,dass du den Artikel hier nochmal reingestellt hast.
Lieben Gruß, Annika


Hilde (7.3.10 17:55)
"Der Blick, der eines Tages vielleicht dafür sorgen wird, dass Jochen Picht sein Leben ändert und vom Nichtstuer zum Arbeiter wird."

ach du meine güte.

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